Konsequenzen aus den Hattie-Studien: Lehrererwartungen

John Hattie (2015) Quelle: Wikimedia (https://de.m.wikipedia.org/wiki/John_Hattie#/media/Datei%3AJohn_Hattie.jpeg)

Ohne mit den Details zu langweilen – die kann man beliebig genau auf Visible-Learning.org nachlesen: Der Bildungsforscher John Hattie hat im Jahr 2015 seine Rangliste mit schulischen Aktivitäten und Lehr- und Lernvoraussetzungen aktualisiert, und der wichtigste Faktor für den schulischen Erfolg sind nunmehr „Teacher estimates of achievement“.

Das wirft den Ball für erfolgreiche Schulbahnen recht eindeutig in die Spielfeldhälfte der Lehrer, und weist ihnen viel Verantwortung für die Schulkarrieren ihrer Schüler zu.

„Gut so!“, möchte man sagen, immerhin werden die Lehrer ja auch genau dafür bezahlt; Wissensvermittlung und Charakterbildung sind Kern dessen, was Lehrkräfte den ganzen Tag lang in der Schule leisten. Wenn diese Vermittlung erfolgreich geschehen soll, müssen offensichtlich auf der Lehrerseite ein paar grundlegende Einstellungen vorhanden sein:

1. Jeder Schüler hat die Chance, den Anforderungen zu entsprechen

Je nach Studie – und vermutlich je nach Lehrer – sind unterschiedliche Arten von Schülern erfolgreich. Auch Eltern können ein Lied davon singen: Mancher Lehrer hat eben seine Lieblinge, bei denen er sich über alles freut, und andere, die er auf dem „Kieker“ hat und entsprechend anders wahrnimmt und beurteilt…

Aber stimmt das so auch, oder ist das nur alles eine Frage der Wahrnehmung? Letzlich ist das unerheblich. Wichtig ist: Solange der Schüler das Gefühl hat, dass der Lehrer ihm ein bestimmtes Leistungsniveau zutraut, wird er eher in der Lage sein, dieses Level zu erreichen. Dazu muss der Lehrer jede Art von negativen Vorurteilen vermeiden; Klischees über die Ausdrucksfähigkeiten von Jungen oder die Mathematikkompetenzen von Mädchen sind auf jeden Fall schädlich. Auch andere Stereotypisierungen, etwa wegen der Vornamen der Kinder, der Eltern, des Stadtviertels oder auch nur wegen dem Sitzplatz im Klassenzimmer dürfen nicht ins Gewicht fallen.

Letzlich liegt in es in der Veranwortung des Lehrers, jedem Schüler jeden Tags aufs Neue vorurteilsfrei zu begegnen. Ja, jeden Tag aufs Neue, vollkommen egal, wie das Verhalten und insbesondere die Leistungsfähigkeit des Schülers am Vortag war.

2. Die Anforderungen sind allen Schülern transparent

Was macht einen guten Englischschüler aus? Genau das muss ein Schüler wissen, um zu wissen, was eine gute Leistung ist. In der Regel lassen sich Unterrichtsinhalte in Einzelteile zerlegen – diese Teile wiederum entsprechen dem Zuwachs an einzelnen Kompetenzen. Was haben wir heute gelernt? Was solltet Ihr nächste Woche können? Die Antworten auf diese Fragen muss der Lehrer parat haben, und sie auch entsprechend offen kommunizieren.

Transparenz bei der Leistungsbewertung ist der nächste nötige Schritt – nur so wird dem Schüler klar, was er kann, und was eben noch nicht.

3. Schlechte Leistungen sind multikausal

Schlechte Ergebnisse in Tests? Hier ist wiederum der Lehrer gefragt, der eben auch Nachsorge leisten muss; lässt er die Schüler mit ihren schlechten Leistungen allein, werden diese häufig nicht zielführend damit umgehen. Der Lehrer muss helfen, die Leistungen sinnvoll zu attribuieren: Nein, es fehlt nicht an der Begabung. Es fehlt am Fleiss – wenigstens wäre es wünschenswert, wenn auch der Lehrer das glauben würde – letztlich geht es eben auch darum: Welches Bild hat der Lehrer von seinen Schülern?!