Manipulation

Manchmal wünsche ich mir, mein Beruf wäre ganz einfach: Ich würde sagen, was meine Schüler sinnvollerweise tun sollten, um ihre eigenen Kompetenzen möglichst effizient zu erweitern. Die Schüler würden mir ihre individuellen, tagesaktuellen Voraussetzungen verständlich erklären, und dann könnten wir daraus einen gangbaren Weg entwickeln, wie heute der Lernfortschritt optimiert werden kann.

Die Realität ist anders: Die Schüler wollen nicht möglichst effizient viel lernen, sondern möglichst effizient gerade so viel, dass sie Misserfolge vermeiden – was auch immer sie persönlich für einen Misserfolg halten mögen. Und ich versuche, das zu antizipieren und male deswegen die Konsequenzen des Nichtmitdenkens in tiefschwarzen Farben aus: Das passive progressive nicht verstanden? Dann wird’s nichts mit dem späteren Broterwerb.

Wobei ich ja weiß, dass den jungen Menschen vor mir ihr Schicksal in 10 Jahren nicht unmittelbar am Herzen liegt. Lieber drehen sie heimlich unter der Bank am fidget spinner oder tippseln blind auf ihrem Handy rum, während sie obenrum einen Eindruck tiefenentspannter Langeweile vermitteln. Nein, die ferne Zukunft betrifft sie nicht. Die nahe Zukunft ist schon schwer genug planbar – die Aufstellung für das Fußballturnier, die Nachmittagsplanung mit dem spannenden Doppeldate oder auch irgendwelche unverständlichen Strategien für Online-Spiele – alles interessanter als ein aus der Mode fallendes (und bestenfalls rezeptiv zu lernendes) Grammatikphänomen.

Während ich also eher alibimäßig am angeschaut werden bin (so liesse sich das Passive Progressive im Deutschen nachbauen, wennn man darauf Lust hat, I am being looked at; aber wieso sollte das jemand tun?), überlege ich wie, die Kids doch noch zum Mitmachen bewegt werden könnten:

– Drohungen?
– Bestechung?
– Motivation?

Motivation scheidet aus, das hab ich schon die letzten 90 Minuten versucht: Interessante Geschichten, tolle handlungsorientierte Methoden, Gruppenarbeit, Stillarbeit… Wenn es einen „Wir sind gerade am gemacht werden“ – Song geben würde, ich hätte ihn den Teenagern vor mir auch noch vorgespielt.

Drohung und Bestechung? Klingt so schlimm, und überhaupt wollte ich doch dieses Jahr fair play-Lehrer sein. Na gut, dann halt von Allem ein bisschen: Manipulation!

Schritt 1: The Set-Up
In der Parallelklasse, so erzähle ich, hat noch keiner das Passive Progressive verstanden. Die Schüler fühlen sich in ihrem Nichtbegreifen bestätigt. Ich führe ein paar Hintergrundgespräche mit einer Kollegin.

Schritt 2: The Round-Up
Ich fabuliere vor der Klasse von einer Ex, die die Kollegin in der Parallelklasse eigentlich hätte schreiben wollen, und dass die Kollegin den Test wieder abgeblasen hat, weil keiner etwas verstanden hätte. Wir würden, so erzähle ich weiter, bald gemeinsam mit der Parallelklasse einen Test über das passive progressive schreiben, damit das Leid gleichmäßig verteilt werden kann.

Schritt 3: The Hook
Ich schreibe mir selbst eine E-Mail mit dem Betreff „Englisch-Test am 29.06. – Aufgaben Passive Progressive“. Mein E-Mail-Programm lasse ich an, und während der nächsten Englischstunde, als ich eigentlich ein Wimmelbild zeigen will, zeige ich erstmal ‚versehentlich‘ die Email. In der Klasse gibt es viel Getuschel, das ich einfach ignoriere, während ich umständlich in meiner Tasche krame.

Schritt 4: The End
Test muss ich jetzt keinen mehr schreiben, benoten wäre ja eh nicht gegangen, denn die Schüler sollen die Inhalte ja laut Lehrplan nur verstehen, nicht selbst die Grammatikregeln anwenden. Und eins ist sicher: Die Lehrbuchseiten zum Passive Progressive hat sich jeder mal angesehen.

Nächstes Mal versuche ich es wieder mit echter Motivation aus Freude am Lernen, aus Interesse am Fach und aus Liebe zur Bildung. Aber dieses Mal hat Manipulation auch gereicht.

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