Vormittags recht


„Gut bezahlter Halbtagsjob
“ – so das Klischee, dem sich Sebastian Dorok in seinem sehr lesenswerten Blogpost entgegenstemmt. Der Mann hat recht: In jedem Beruf gibt es Faule und Fleissige, Tapfere und Weinerliche, Kreative und Vorsichtige. Natürlich auch bei Lehrern – jedoch kommt es bei Lehrern häufiger vor, dass sie mit eben den weniger vorzüglichen Exemplaren ihres Berufsstands auf eine Stufe gestellt werden.

Ein Zahnarzt muss sich ja auch nicht verteidigen, weil er sein Geld damit verdient, Zähne zu ersetzen. (Ach, übrigens: Ich hatte auch mal einen schlechten Zahnarzt. Deshalb gehe ich aber nicht davon aus, dass alle seine Kollegen und Kolleginnen auch nix können.)

Schreibt er, der Herr Dorok.

Ein Aspekt fehlt mir, und konsequent zu Ende gedacht, diffamiert er gleich richtig toll zurück. Genau das Richtige für einen verregneten Montagabend:


Im Zuge der Persönlichkeitsbildung grenzen wir uns ab, um zu bemerken, wo wir aufhören, und wo die anderen anfangen. Wir lernen im Kindergartenalter, dass wir nicht zu denen gehören, die mit den blauen Bauklötzen spielen, wir sind bei denen dabei, die gelbe Fahrräder haben oder die eine bestimmte Art von Musik mögen. Recht früh in der Schule kommt dann eins dazu: Wir sind nicht Lehrer. Lehrer sind autoritär, zwingen uns, Dinge zu lernen, fordern uns heraus. Sind auf der anderen Seite.Wir sind nicht Lehrer – das ist damit ein Inhalt des Persönlichkeitsbildes jedes Einzelnen, ein Teil des Mosaiks, das uns ausmacht. Wenn Leute sich kennenlernen, erzählen sie sich erstmal gegenseitig, wer sie so sind. Je nach persönlichen Vorlieben vielleicht noch, was sie so haben, aber das führt zu weit.

Wer sie so sind also. Eine Gemeinsamkeit ist schnell gefunden: Sie sind (meistens) nicht Lehrer. Damit entsteht eine Art Präpubertäts-Gruppenfeeling, der Hauch des ersten Mals erfolgreich Abschreibens weht durch den Raum. Das erste Mal (vielleicht in vielen Fällen auch das letzte Mal) Auflehnen gegen Unterdrückung wird kurz skizziert, und dann wird der gemeinsame Feind schnell – aus vermeintlich erwachsener Perspektive – entlarvt. Kleinergemacht. Karikiert, persifliert. Als irgendwie doch kleiner und unterlegener dargestellt, als er damals erschien. Gemeinsame Gegner verbinden, die Verbrüderung ist geglückt.

Erstaunlich, dass dennoch nach ein paar Minuten das Gespräch auf die tollen Lehrer kommt, die Vorbilder, die Überzeugungstäter. Die paar Minuten muss man sich jedoch nehmen, und das geht nicht in jedem Zusammenhang. Nicht mit jedem Gesprächspartner. Nicht an jedem Ort. Polemik muss schnell gehen. Denken nicht.

 

 

6 KOMMENTARE

  1. Donnerwetter, Leserschaft aus Ungarn!

    Offensichtlich ist der Ruf unseres Berufsstandes international ein Problem; es ist wohl zu verführend, auf Lehrer zu schimpfen…

    Herzlich willkommen auf meinem Blog, und jo napot!

  2. So. (<- Das typische "Lehrer-So", in etwa wie in "So, die Gruppenabeitsphase ist jetzt zu Ende! ;-)) Im Zug auf dem Weg zum Schulmusikkongress in Lübeck komme ich auch endlich dazu, Deine Replik zu kommentieren.

    Vielen Dank für die Ergänzungen – auch mir gefällt Dein abschliessender Aphorismus sehr gut – den merke ich mir. Ansonsten denke ich, es wird an uns sein, derartig tolle und vorbildlicher Lehrer zu sein, dass die Generationen nach uns nicht mehr mit diesem Vorurteil kämpfen müssen – auf dass man den Lehrern im Jahre 2050+ anders gegenüber tritt – weil man "früher" eben KEINE schlechten Erfahrungen in der Schule gesammelt hat. 😉

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