Zeugnisse auch für Lehrer?

Zeugnisse auch für Lehrer?

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Am Ende jedes Schuljahres gibt es Zeugnisse – je nach Schwerpunktsetzung der Eltern und ihrer Kinder ist das Zeugnis der Höhepunkt und würdige Abschluss des Schuljahres, ein Grund zum Feiern oder Nachdenken, oder ein Behördenschreiben auf hübschem Papier, das in einen Ordner geheftet und archiviert wird.

Gern relativieren die Bildungsausübenden die Bedeutung der Zeugnisse – sie wären gar nicht so wichtig, und würden auch über wirklich wesentliche Aspekte der Persönlichkeit des Schülers oder der Schülerin wenig aussagen.

Sind Zeugnisse nichts wert?

Wenn man es mit dem Wert des Zeugnisses übertreibt, dann richtet sich die gesamte Bildungsanstrengung der Schüler nur auf das Messbare. Ob das Kind verträglich war und angesehen, ob es sich bemüht hat oder ihm der gesamte Unterrichtsstoff nur zugeflogen ist, diese Information findet man im Zeugnis nicht. Oder nur verschämt versteckt, irgendwo im Wortgutachten zwischen „engagierte sich sehr als Tafeldienst“ und „nahm am Fotokurs mit gutem Erfolg teil“. Was aber würde jetzt mehr aussagen über das sinnvolle Arbeiten in der Schule, über die Arbeitseinstellung und das Wohlfühlen des Kindes – eine 3 in Mathematik oder ein paar sinnvolle Sätze? Und überhaupt: Wie die Schülerin so als Mensch allgemein ist, das kommt im Zeugnis gar nicht oder nur am Rande vor, und das, obwohl die Schulen doch einen Erziehungsauftrag haben.

Sind Zeugnisse alles?

Ein Zeugnis gibt klar Auskunft über Stärken und Schwächen – nicht ohne Grund sind Charaktertests, Intelligenztests und Fragebögen auf Webseiten, in sozialen Medien und in Printmagazinen sehr beliebt. „Was für ein Aquarientyp bist Du?“ fragt die Facebook-Anzeige, und alle klicken darauf, machen einen Test mit und erfahren, wie sehr sie sich für Goldfische eignen.
Eine objektive Rückmeldung: „Wie gut ist mein Kind in Musik? Was kann es in Mathematik?“, diese Rückmeldung kann viel wert sein. Berufsentscheidungen, Studienfachwahlen und ganze Lebensentwürfe können auf Zeugnisnoten basieren.
Zu leicht nehmen sollte man Zeugnisse also auch nicht. Selbst wenn die eine oder andere Note mehr auf günstige Umstände oder kurzfristigen Lerneifer am Schuljahresende zurückzuführen ist, zeigt die Zusammenschau dann doch, in welchen Bereichen das Interesse des Kindes besonders stark ist.

Und für Lehrer?

Evaluationsbögen für den geglückten Unterricht gibt es viele – jedes brauchbare Didaktikhandbuch enthält mindestens einen. Warum nicht einfach mal die Hackordnung umkehren und die Schüler bitten, den Lehrer zu bewerten? Immerhin könnten die Lehrer so erfahren, was sie können und was nicht. Statt Fächern könnten Charaktereigenschaften aufgezählt werden, und dazu dann jeweils eine Note vergeben werden. Wie bei einem Pen&Paper-Rollenspiel hat der Lehrer einen Charakterbogen in der Hand.

Ja, nett. Und dann?

Das Ergebnis ist dann eine Auflistung von mehr oder wenuger passenden Attributen – hurra, Herr Müller hat eine zwei in Humor. Aber wieso soll das nicht hilfreich sein? Immerhin könnte Herr Müller ja seine zwei in Humor mit seiner drei in Unterrichtsmethodik vergleichen und daraus Schlüsse ziehen.

Genau da fangen aber die Fehler an. Jetzt sind die Noten, die Schüler bekommen, schon fehleranfällig; die lange Liste an möglichen Fehlern beim Beobachten von Schülerleistungen und Schülerverhalten hat jeder Lehrer an der Universität auswendig gelernt, um sie in Psychologie- und Pädagogikklausuren zum Besten geben zu können… Wie können da Noten, die Schüler geben, sinnvoll sein?

Den üblicherweise geforderten Gütekriterien werden sie nicht entsprechen: Reliabel, valide und objektiv werden Schüler das Lehrerhandeln nicht sehen. Eher schon wird ein Bias des letzten Eindrucks vorkommen, was dann auch schon zum praxisrelevanteb Tipp führt: Wer bei einem Schülerfragebogen gut wegkommen will, gibt den Kids vorher Schokolade.

Vergleichbar ist so ein Lehrerzeugnis dann nicht unbedingt – man wird nicht herausfinden, welcher Lehrer wirklich erfolgreich dem Bildungs- und Erziehungsauftrag nachkommt. Aber im Vergleich über mehrere Jahre lassen sich Trends erkennen, die dann zur Reflexion anregen: Bin ich wirklich humorloser geworden? Strenger? Wieso bekomme ich in „Neue Medien“ immer eine 3?

Und nein, mit dem Lehrerzeugnis sollte man nicht zu den Schülern gehen und sich beschweren. Es kann aber Anlass sein, mit den Schülern am Schuljahresende ein Gespräch über den Zweck von Schulen zu führen. Soll der Lehrer wirklich alle bespaßen, so als schlechterer Youtube-Ersatz, oder ist da mehr?

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